Pillen für Querulanten


Keine Chance für Widerspenstigkeit: Diese Tablette kontrolliert die Compliance Ihrer Patienten. So gibt es Rundschreiben an die Ärzteschaft, von denen das Fußvolk nichts wissen darf: Mancher hat sich wahrscheinlich schon fast damit abgefunden. Besonders Geriater, Pädiater und Psychiater kennen das Problem: Nur etwa die Hälfte aller Patienten nimmt Medikamente wie verordnet ein. Kontrolle der Widerwilligen

Was wäre aber, wenn wir künftig jeden Einnahmefehler zielsicher beweisen könnten? Wenn wir Frau Müller bei der Kontrolluntersuchung fragen könnten, warum sie denn ihre Antibiotika wieder einmal 4 Tabletten vor Packungsende einfach abgesetzt hat? Und warum Herr Maier seine Betablocker mal morgens, mal abends und häufig auch mal gar nicht nimmt?

Proteus Digital Health will Ärzten – und infolgedessen wahrscheinlich auch Versicherern – diese Kontrolle ermöglichen. Das kalifornische Unternehmen hat einen Mini-Sensor entwickelt, der problemlos in eine Tablette passt. Dieser Sensor weiß, wenn er geschluckt worden ist – und sendet dann ein Signal an ein Hightech-Pflaster, das diese Aktivität aufzeichnet und beispielsweise mit dem Smartphone kommuniziert.

Start mit einem Psychotherapeutikum

Sowohl Sensor als auch Pflaster sind nicht wirklich neu. Der Sensor wurde vor 3 Jahren von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) freigegeben, das Pflaster noch 2 Jahre zuvor. Neu ist allerdings, dass Proteus nun eine Partnerschaft geknüpft hat, die dem eigentlichen Ziel dieser Erfindung deutlich näher kommt. Zusammen mit Otsuka Pharmaceuticals wurde die erste digitale Pille kreiiert, die nun um eine eigene FDA-Zulassung wirbt.

Und das hat erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen. Allein in Europa kostet diese Nachlässigkeit bei der Medikamenteneinnahme schätzungsweise 125 Milliarden Euro jährlich, und knapp 200.000 Europäer erleiden deswegen einen frühzeitigen Tod [1]. Fehler bei der Einnahme von Antibiotika fördern die Zunahme gefährlicher Resistenzen, Fehler bei der Einnahme von Antidiabetika und Blutdruckmedikamenten verschlechtern die Prognose.

Besserung war lange nicht in Sicht, eher verschlechterte sich die Lage. Denn letzlich ist kaum Zeit da, die Patienten lange und wiederholt über die Notwendigkeit einer korrekten Einnahme aufzuklären. Zudem sorgt der demografische Wandel dafür, dass zunehmend mehr ältere Menschen zahlreiche Medikamente über lange Zeiträume einnehmen müssen. Proteus und Otsuka haben sich dabei für das Antidepressivum Aripiprazol entschieden, besser bekannt unter dem Handelsnamen Abilify®. Medikamentencompliance ist bekanntermaßen ein großes Problem bei der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen, insbesondere da die Einnahme meist über einen langen Zeitraum erfolgen muss und mit Nebenwirkungen behaftet sein kann. Mit den vorangehenden Zulassungen für die einzelnen Bausteine im Gepäck stehen die Chancen gut, dass es die digitale Pille auch zur Zulassung auf dem US-Markt schafft.

Ein eingeschränkter Nutzen

Stellt sich die Frage, wie sich die medizinische Praxis durch diese Innovation verändern wird – und ob jemand davon profitieren wird. Sehr fraglich ist zum Beispiel, ob viele Patienten der Weitergabe ihrer Einnahme-Daten an den Arzt zustimmen werden, insbesondere da die Tablette nicht nur die Einnahme selbst, sondern nebenher auch Schlaf- und Bewegungsdaten auswertet. Zudem nehmen viele Patienten ihre Medikamente nicht aus reiner Schusseligkeit falsch ein, sondern ganz bewusst – weil sie mögliche Nebenwirkungen fürchten, schlecht informiert sind oder einfach ungern Medikamente einnehmen. Doch ohne die Zustimmung läuft bislang nichts, das betonen auch Proteus und Otsuka in ihrem Pressestatement [2].

Wer also könnte der freiwilligen Überwachung zustimmen? Möglicherweise ein paar Patienten mit Schizophrenie, in einer krankheitsfreien Phase. Oder ältere Patienten, die sich freiwillig eingestehen, ab und an die Einnahme zu vergessen. Und zuletzt vielleicht ein paar Patienten, die ihrem Arzt mehr als sich selbst trauen.

Dabei könnte die digitale Pille vor allem für Versicherer sehr interessant sein. Denn Fehler bei der Medikamenteneinnahme kosten diese Milliarden. Denkbar wäre somit, dass digitale Pillen bei der Erstattung gefördert werden. Es ist zu erwarten, dass in dieser Folge auch die Frage nach der Patientenautonomie häufiger gestellt wird.

REFERENZEN:

1. European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations: Patient Adherence– 50% of patients don’t take their medicine properly

2. Proteus: Press Releases. 10. September 2015
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